Modernes Hexentum – von Wicca bis Hereditary Witchcraft
Diese Übersicht erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit und dient lediglich einem ersten Eindruck. Entsprechend sind einige Aspekte für eine bessere Lesbarkeit vereinfacht dargestellt. Änderungsvorschläge sind herzlich willkommen.
Die Wiederentdeckung der „Hexe“
Das moderne Hexentum (Witchcraft) bildet eine der drei großen Säulen des zeitgenössischen Heidentums (Neopaganismus) – neben dem keltischen Druidentum und dem germanischen Glaubenssystem.
Der Begriff Modernes Hexentum dient als Überbegriff für eine breite und vielfältige spirituelle Bewegung, die sich hauptsächlich seit der Mitte des 20. Jhd. entwickelt hat. Es ist ein dynamisches Feld, das sich durch Selbstermächtigung, Naturspiritualität und die Wiederbelebung bzw. Neuschöpfung magischer und religiöser Praktiken auszeichnet. Es umfasst sowohl strukturierte Religionen als auch individuelle und gemixte Pfade.
Der Begriff „Hexen“ bezieht sich hierbei nicht auf die historischen Opfer der europäischen Hexenverfolgung, sondern auf eine zeitgenössische, selbstgewählte spirituelle Praxis.
Für viele moderne Hexen ist die Praxis eine Form des empowerment und der Rückbesinnung auf weibliche und nicht-patriarchale Spiritualität. Sie steht für die Fähigkeit zur Selbstbestimmung, die Anerkennung der Natur als beseelt und heilig und die Verantwortung für die eigene magische und spirituelle Entwicklung.
Ethik und spirituelle Praxis
Das moderne Hexentum basiert auf einigen grundlegenden Prinzipien und Ritualen: Das wohl bekannteste ethische Prinzip ist: „Solange es niemandem schadet, tue, was du willst. Ergänzt wird dies oft durch das Gesetz der Anziehung, das besagt, dass alle Energie – ob positiv oder negativ – verstärkt auf den Sender zurückkommt.
Die gesamte magische und spirituelle Praxis orientiert sich am Zyklus der Natur, der in 13 Monde und 8 Jahreskreisfeste unterteilt ist. Diese teilen sich in die vier großen keltischen Feuerfeste (Samhain, Imbolc, Beltane, Lughnasadh) und die vier Sonnenfeste (Sonnenwenden und Tag-und-Nachtgleichen).
Magie und Rituale finden innerhalb von einem geweihten Schutzkreis statt. Wesentliche Aspekte sind dabei die Anrufung der Himmelsrichtungen und der Elemente (Erde, Luft, Feuer, Wasser), sowie Kräuterkunde, Weissagung und die Nutzung von Ritualwerkzeugen wie z.B. Stab, Athame, Kelch und Kessel.
Die Vielfalt des modernen Hexentums
Seit seiner Entstehung hat sich das Hexentum in zahlreiche Unterströmungen aufgespalten, die sich oft durch ihren Grad an Dogma, ihren Fokus und ihre Organisationsform unterscheiden.
Wicca: Eine Basis des modernen Paganismus
Wicca nimmt eine zentrale Stellung im modernen Hexentum ein und ist eine initiatorische, neopagane Religion, die durch Gerald Gardner in den 1950er Jahren in Großbritannien öffentlich gemacht wurde. Dabei ist Wicca kein direktes Überbleibsel einer vorchristlichen Religion, sondern eine neuheidnische (neopagane) Schöpfung, die von Ritualen aus der Freimaurerei, Zeremonialmagie, Elementen der keltischen Mythologie und Göttinnenkulte (Margaret Murray) beeinflusst wurde. Im Zentrum der Wicca-Verehrung steht die Polarität des Göttlichen, repräsentiert durch die dreifache Göttin (Jungfrau, Mutter, Weise/Krone) und den Gehörnten Gott (oft inspiriert von Figuren wie dem keltischen Cernunnos).
Es existieren verschiedene Linien wie das streng initiatische Gardnerian Wicca und Alexandrian Wicca, sowie Eklektisches Wicca und feministische Linien wie das Dianic Wicca.
Reclaiming
Die Reclaiming-Tradition ist eine der einflussreichsten Strömungen innerhalb des modernen Hexentums, die sich bewusst als politisch und feministisch definiert. Sie entstand 1979 in der San Francisco Bay Area (USA), gegründet von der neopaganen Autorin Starhawk (Miriam Simos) und Diane Baker. Reclaiming ist kein Wicca im klassischen, initiatischen Sinne, sondern eine Weiterentwicklung, die auf der Göttinnenbewegung (Goddess Movement) und den Prinzipien der Ekstatischen Hexerei aufbaut.
Traditionelles Hexentum (Traditional Witchcraft)
Die Entstehung des traditionellen Hexentums war eine direkte Reaktion auf die Veröffentlichung des Wicca durch Gerald Gardner. Es grenzt sich bewusst von Wicca ab, indem es sich auf ältere, europäische Volksmagie und oft vorchristliche, ländliche Praktiken konzentriert. Traditionelle Hexen arbeiten oft intensiv mit örtlichen Geistern, Ahnen und lokalen Überlieferungen (z.B. Volksmärchen, lokale Heilpraktiken). Ihre Magie ist oft „erdiger“ und kann sich stärker mit Aspekten der Natur auseinandersetzen. Eine Schlüsselfigur für die frühe Etablierung des traditionellen Hexentums ist Robert Cochrane (geboren als Roy Bowers, 1931-1966).
Obwohl Begriff schon in den 1960er Jahren existierte, erlebte er erst ab den frühen 1990er Jahren eine breitere Popularität und Etablierung. Viele Praktizierende, die Wicca-Elemente ablehnten und stattdessen zu Volksmagie, lokaler Überlieferung und Cunning Folk-Praktiken zurückkehren wollten, begannen, sich explizit als „Traditional Witches“ zu bezeichnen. Dies führte dazu, dass der Begriff heute als Sammelbegriff für alle nicht-Wicca, volksmagiebasierten Formen der modernen Hexerei gilt.
Hereditary Witchcraft (Erbhexentum)
Der Begriff „Hereditary Witchcraft“ beschreibt jene Praktizierenden, die ihr Wissen und ihre Fähigkeiten innerhalb der Familie über Generationen hinweg geerbt und erlernt haben. Diese Praktiken können Elemente der Volksmagie oder europäischer Volksheilkunst enthalten. Sie sind hochgradig individuell und variieren mitunter stark von Familie zu Familie. Wobei sich die spirituelle Praxis meist an den Grundelementen wie den Mondphasen und den Jahreskreisfeten orientiert.
Eklektisches Hexentum: Der Pfad der persönlichen Wahl
Die größte Gruppe innerhalb des modernen Hexentums besteht aus eklektischen und solitären Praktizierenden. Das Eklektische Hexentum ist dabei keine formalisierte Tradition, sondern eine Methodik, die die individuelle Freiheit und Verantwortung in den Vordergrund stellt. Eklektische Hexen wählen und kombinieren Elemente aus verschiedenen Quellen, ganz nach persönlicher Intuition, Resonanz und Effektivität.
Dieser Pfad lehnt feste Dogmen und die Notwendigkeit einer formalen Initiation ab. Stattdessen werden Elemente aus unterschiedlichsten Traditionen, wie der keltischen, germanischen oder hellenischen Mythologie, der Volksmagie, der modernen Psychologie, der Kräuterkunde oder sogar östlichen Philosophien, zu einem einzigartigen und persönlichen Glaubens- und Magiesystem zusammengefügt. Der Fokus liegt hierbei auf einer zeitgemäßen und an die eigenen Lebensumstände angepassten Spiritualität.
